
Sicher haben Sie bereits gehört, wie jemand die Erziehung (oder genauer: Vater und Mutter) für sein/ihr Verhalten verantwortlich macht.
Viele, die Geschichten von Familienaufstellungen hören, aber selbst nie dabei waren, empfangen in verkürzter Form die Botschaft, hier würden Familienmitglieder herabgewürdigt oder Ähnliches. Das Gegenteil trifft meiner Meinung nach zu: es erhalten alle mehr Achtung und Zuneigung, mehr Verständnis und Liebe als sie vor der Aufstellung hatten.
Über die Entstehung der Probleme möchte ich aus zwei Büchern zitieren, wo diese Thematik sehr schön beschrieben und erklärt wird:
Verlag Herder; Aufl./Jahr: 1. Aufl. 2007; HERDER spektrum, Band 5733, ISBN 978-3-451-05733-5
"Eine wichtige Einsicht der Familienaufstellungen ist: Quälende Gefühle und Probleme stammen nicht immer aus dem eigenen Leben. Sie können auch von einem Mitglied der Familie übernommen sein - auch von den Urgroßeltern…Übernommen werden auf der einen Seite offensichtliche Gefühle. Die Mutter hat schlimme Erfahrungen mit Männern gemacht, ist frustriert und wütend. Die Tochter übernimmt und teilt diese Wut. Obwohl sie mit ihren 20 Jahren noch wenig Erfahrungen mit Männern gemacht hat, spürt sie, wie schnell im Kontakt mit einem Mann ein unterschwelliger Ärger in ihr hochkommt.
Auch bei Anton, der im eigenen Leben keine Ursache für seine Kraftlosigkeit gefunden hatte, zeigt sich eine solche Verbindung. Als Anton in die Geschichte seiner Familie zurückschaut, fällt ihm auf die Frage, wer sonst noch kraftlos in der Familie war, sofort sein Großvater ein. Die Großmutter, die Frau seines Großvaters, war bei der Geburt ihres dritten Kindes mit knapp 30 Jahren gestorben. Der Großvater war nie über diesen Verlust hinweggekommen. In seiner Aufstellung zeigt sich eine starke, liebevolle Verbindung von Anton mit diesem Großvater…
Aber die Ausgangsfrage des Kapitels ist erst zum Teil beantwortet: Ist der Großvater Antons wirklich an Antons Depression 'schuld'? Hat er ihm etwas Böses, vermutlich ohne es zu wollen, angetan? Gibt es hier ein böses Schicksal, so etwas wie ein Fluch? Sind Kinder Opfer ihrer Vorfahren?
Wer zu dieser Auffassung kommt, wird den Ursachen der Verbindung, die in der Tiefe wirken, nicht gerecht. Der Hintergrund ist eine tiefe Liebe der Kinder zu allen Mitgliedern ihrer Familie. Diese Liebe ist 'archaisch', sie wird zu Beginn des Lebens in jedem von uns wach. Kinder sind nicht nur bedürftig, sie lieben von sich aus mit einer ungeheuren Kraft und Hingabe. Deshalb wollen Kinder nicht, dass es ihnen besser geht als den anderen in ihrer Familie. Sie fühlen sich dann ganz zugehörig, wenn sie das teilen, was es an Schlimmem gibt. Sie sind loyal.
Antons Großvater ist also nicht schuld. Ein Kerngedanke von Hellinger dazu: 'Was aus Liebe geschehen ist, kann sich nur in Liebe wieder auflösen.' Damit Anton zu seiner Lebensfreude findet, muss er erst seine Liebe zum Großvater entdecken und neu spüren. Erst dann kann das Wissen des Erwachsenen fruchtbar werden, dass Klein-Anton dem Opa sein Leid nicht abnehmen kann. Jeder hat sein eigenes Schicksal zu tragen. Anton muss seinem Großvater das Leid lassen. Er kann es nicht mittragen. Im Gegenteil, wenn Anton aus Liebe mitleidet und das eigene Lebensglück verpasst, dann würde das den Großvater, wenn er es sehen könnte, zusätzlich schmerzen. Denn der Großvater will das Beste für sein Enkelkind und kein blindes unnötiges Opfer.
'An meinen Problemen ist meine Familie schuld.' Auf diesen Gedanken kommen manchmal Menschen, wenn sie einige Male an Familienaufstellungen teilgenommen haben. Sie erleben, wie stark familiäre Verbindungen sind und wie einfach solche Lösungen im Grunde wären. Da lässt das Kind das Schlimme und Belastende zu demjenigen zurückfließen, zu dessen Leben es gehört, und wird dadurch selbst frei.
Es hat etwas Verführerisches, sich davon die Lösung aller Probleme zu versprechen. Und wenn trotz der Aufstellungen Probleme weiter bestehen? Dann, so drängt sich die Idee auf, habe ich noch nicht das ganz Schlimme in der Familiengeschichte entdeckt. Ich muss mehr Familienforschung betreiben, öfters an Aufstellungen teilnehmen, um dann endlich befreit und erlöst zu sein. Auf diese Weise kann Familienstellen zu einer Sucht werden. Jemand bleibt gleichzeitig innerlich in einer Kinderrolle.
Denn es gibt viele Probleme, unabhängig von den Verbindungen mit der Familie. Das Leben stellt uns ständig vor neue Herausforderungen, die wir immer wieder als 'Probleme' erleben. Wer nur noch zwanghaft nach Ursachen für Probleme in seiner Familie sucht, geht in die falsche Richtung. Er vermeidet es, die Verantwortung für das eigene Leben und seine Gestaltung zu übernehmen. Jeder trägt bei seiner Familie mit. Aber das ändert nichts daran, dass jeder sein eigenes Leben führt und dafür verantwortlich ist. Erst wenn jemand das sieht, wird er erwachsen."
Eine Einführung für Neugierige. Hrsg. v. d. Dtsch. Vereinigung f. Gestalttherapie. 2009, 107 Seiten, teilweise farbige Abbildungen, Maße: 22 cm, Gebunden, Deutsch Verlag Andreas Kohlhage ISBN-10: 3897970627 ISBN-13: 9783897970625
"…manchmal gibt jemand sogar seinen Eltern die Schuld daran, wie er heute ist. Nun kann man zwar unterschiedlicher Meinung über die Stichhaltigkeit einer solchen Begründung sein, aber sie enthält einen wahren Kern, der wohl unstrittig ist: Menschen sind auf vielfältige Weise lernfähig und verfügen über ein Gedächtnis. Und das bedeutet, dass früher Gelerntes und Erlebtes in spätere Zeiten hineinwirkt - unabhängig davon, ob es später noch nützlich ist oder nicht.
Ohne Zweifel nützlich ist es, wenn es einem in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass man beim Überqueren einer Straße gut daran tut, auf den Verkehr zu achten. Und Lesen und Schreiben gelernt zu haben, erweist sich täglich als Vorteil. ... Und natürlich kann es recht nachteilige Folgen haben, wenn jemand unter lieblosen Bedingungen aufgewachsen ist und dabei die Überzeugung entwickelt hat, für ihn gäbe es keine Liebe.
…[Deshalb] besteht ja auch die Chance, im weiteren Verlauf der Zeit anders zu werden, als man bisher geworden ist, und sich zu verändern - sozusagen vorsätzlich neue Spuren zu bahnen, die die Zukunft so lange beeinflussen, bis man sie wiederum ändert. Alle Formen der Psychotherapie bauen irgendwie darauf auf.
…Das oben erwähnte, unter lieblosen Bedingungen aufwachsende Kind hat zwar nur sehr geringen Einfluss auf diese Bedingungen, aber es geht auf eine bestimmte, ganz eigene Weise mit ihnen um. Es erlebt nicht nur die Lieblosigkeit, sondern verarbeitet sie und macht für sich das Beste daraus. Das ist die schon früher erwähnte 'kreative Anpassung'. Die erfahrene Lieblosigkeit ist 'kein Gussmodell'… das Kind nutzt vielmehr die ihm verfügbaren Möglichkeiten aktiv und schafft sich mit ihnen selbst seine Form, um mit den Gegebenheiten auf seine Art fertig zu werden. Die lieblosen Bedingungen, in die es 'geworfen' wurde, beeinflussen die Antworten, die das Kind gibt, natürlich immer insofern, als die Antworten, die es findet, immer Antworten auf diese Bedingungen sind. Die Bedingungen geben die Art der Antworten jedoch nicht zwingend vor, sondern lassen dem Kind einen Spielraum.
Vielleicht zieht es sich in sich selbst zurück, um die lieblose Situation nicht mehr so deutlich und schmerzlich zu erleben; vielleicht wird es provokant und rebellisch nach der Devise, 'wenn ich schon keine Lüge kriege, dann verschaffe ich mir wenigstens Beachtung'; vielleicht macht es sich aber auch zum 'lieben Kind' und versucht, es allen Recht zu machen, um eventuell eines schönen Tages doch noch geliebt zu werden."