AHA-SYS, Michael Reiterer

Punkte, Meridiane, reaktive Areale und der Weg nach Hause

Kategorien:Shiatsu, QiGong, TaiChiHeilerisches

Oskar Peter hat in diesem Artikel viel spannende Info über die Wirkung von Shiatsu zusammengetragen.

Ich darf daraus Ausschnitte zitieren.

Lokalisierbarkeit von Akupunkturpunkten

"Wie sieht das Problem der Lokalisierbarkeit von Akupunkturpunkten in der täglichen Praxis aus? ,Ein erfahrener Akupunkteur richtet sich ohnehin nicht einfach nach den Punkten, die auf den Lehrtafeln eingezeichnet sind‘, sagt Barbara Kirschbaum, Ärztin für Chinesische Medizin in Hamburg und Lehrbeauftragte an der Universität Witten/Herdecke, ,denn die Menschen sind nun einmal alle unterschiedlich.‘ In ihrer Praxis suche sie daher bei jedem Patienten sozusagen nach reaktiven Arealen, auch wenn sie das selbst so nicht nennen würde. ,Die ursprüngliche chinesische Medizin hat ja viel mit Anfassen zu tun, man sucht nach Spannungen, Vertiefungen auf der Haut und spürt so, wo der rechte Punkt sitzt.‘ Ein schematisches Vorgehen […] liefere da notgedrungen widersprüchliche Ergebnisse.

Dazu auch der an den eingangs erwähnten Akupunkturstudien beteiligte Düsseldorfer Orthopäde Albrecht Molsberger: „Die chinesischen Punktlandkarten zeigen, mit welchen Akupunkturstellen man gut zum Ziel kommt, man kann jedoch auch andere Wege gehen. Das Prinzip ist entscheidend.“

Und wie ist das im Shiatsu?

Tenkei Tamai

Laut Peter Itin (Berater der Shiatsu Gesellschaft Schweiz) geht der Begriff „Shiatsu“ auf Tenkei Tamai zurück und wurde 1919 in Japan erstmals öffentlich verwendet. Tamai verband westliches Wissen mit traditionellen Behandlungsformen und bezog sich in seinen theoretischen Ausführungen auf die westliche Anatomie und Physiologie. Zudem soll Tamai betont haben, dass man, um mit den Händen heilen zu können, „spirituelle Kraft“ brauche.

Tokujiro Namikoshi

Auch Tokujiro Namikoshi, für viele der Begründer von Shiatsu, setzte die Reflexpunkte, auf die Druck ausgeübt wird, in Bezug zur westlichen Anatomie und Physiologie: zu den Funktionen von Gelenken, Haut, Muskeln, Knochen, Nervensystem, Blutkreislauf, Verdauungsapparat und Hormonsystem.

Shizuto Masunaga

Hingegen bezieht sich das Shiatsu des großen Revolutionärs Shizuto Masunaga nicht auf anatomische Gegebenheiten, sondern auf das energetische System. Masunaga verankerte Shiatsu somit in der fernöstlichen Philosophie und Tradition und verband diese mit westlichen Erkenntnissen und Techniken. Die Behandlung richtet sich auf Energieleitbahnen (Meridiane) in ihrem – von Masunaga erweiterten – Verlauf und nicht auf isolierte Reflex- oder Akupunkturpunkte.

Ryokyu Endo, Tetsuro Saito, Akinobu Kishi

Neben dem traditionellen Meridiansystem und dem erweiterten System nach Masunaga gibt es seit dessen Tod 1981 eine unübersichtliche Vielfalt von diversen Entwicklungen und Konzepten: So arbeitet man z.B. im „Tao-Shiatsu“ von Ryokyu Endo mit „Supervessels, Ring- und Spiralmeridianen“ oder im „Shin So Meridian Shiatsu“ von Tetsuro Saito mit „tieferen Meridianen“. Andere, wie der international anerkannte Meister Akinobu Kishi, propagieren ein Arbeiten ohne vorgefasste Konzepte.

Darstellungen und Beschreibungen von Meridianverläufen

Das traditionelle Meridiansystem im Shiatsu entspricht dem Konstrukt für Akupunktur aus der Chinesischen Medizin (zwölf Hauptmeridiane und ein Konzeptions- und ein Lenkergefäß). Als Standardwerke im deutschsprachigen Raum bzgl. Darstellung und Beschreibung der Meridianverläufe gelten das Taschenbuch „Atlas Akupunktur“ sowie das von Wilfried Rappenecker (deutscher Arzt und Shiatsu-Lehrer) 1990 verfaßte „Yu Sen – Sprudelnder Quell – Shiatsu für Anfänger“.

Während sich im traditionellen System die Hauptmeridiane in je sechs Arm- und Beinmeridiane aufteilen, finden sich im erweiterten Meridiansystem nach Masunaga alle Leitbahnen sowohl in Armen und Beinen. Einige Meridiane verändern bei dieser Gelegenheit auch ihren traditionellen Verlauf.

Dessen ungeachtet gibt es seit 2007 einen „Atlas Shiatsu – Die Meridiane des Zen-Shiatsu“.

Der Versuch von Meike Kockrick (Heilpraktikerin und Shiatsu-Lehrerin in Hamburg) und Wilfried Rappenecker (siehe oben) die Meridiane anatomisch genau zu beschreiben, ruft Erinnerungen wach, wie unter Mao in China die Akupunkturpunkte und Energiebahnen festgelegt wurden: Hier wird jetzt die Unschärfe der Meridiankarte Masunagas durch feine, anatomisch exakt beschriebene Linien ersetzt. Rappenecker konterkariert selbst den Hauptteil des Werks in seiner Einleitung mit der Betonung, dass es „keine festen Linien gäbe“ und er es „vorziehe, Meridiane als ,schwingende‘ Räume anzusehen.“

Pauline Sasaki (langjährige Mitarbeiterin und Assistentin von Masunaga) bezieht sich in dem von ihr entwickelten „Quantum Shiatsu“ auf Erkenntnisse der Quantenphysik und postuliert, dass im Shiatsu sowohl auf der Teilchen- als auch auf der Wellenebene gearbeitet wird.

Die Verläufe der Meridiane sind nicht konstant

Tetsuro Saito behandelt, unterrichtet und forscht seit rund 30 Jahren in Toronto/Kanada und hat festgestellt, dass sich die Lage der Hauptmeridiane je nach energetischem Zustand verändern kann. Energie fließt demnach nicht in festen Bahnen, sondern bahnt sich in einem unregulierten Bett ihren Weg. Wie die TCM unterscheidet auch Saito drei verschiedene Grade von energetischem Ungleichgewicht. Laut Saito zeigen die klassischen Akupunkturtafeln die Meridiane im Grossen und Ganzen im ersten Grad des Energieungleichgewichts, während Masunagas Karte meistens einen grossen Teil des Meridianverlaufs im dritten Grad darstellt.

Die Lebensenergie Qi

„Das chinesische Schriftzeichen für Ki beinhaltet sowohl den Wortstamm von ,Dampf‘ als auch von ,Reis‘. In seiner feineren Erscheinungsform bewegt sich das Ki genau wie Dampf nahezu unsichtbar. In seinen dichteren Aspekten fließt es langsamer oder nimmt Gestalt an, z.B. die von Reis.“

Weiter unten schreibt Oskar Peter

"Punkt- und Meridiansysteme sind Konzepte, um im Shiatsu einen Zugang zum Menschen (Patienten, Klienten) in seiner Gesamtheit aus Körper, Geist und Seele zu finden. Es sind Konstrukte, die sich zum Teil aus der Beschaffenheit des Menschen ableiten. Darüber hinaus dienen diese Systeme im Shiatsu-Alltag dem Shiatsu-Praktiker als topologische Krücken zur persönlichen Orientierung (bzw. Shiatsu-Schulen und -Lehrern als tragende Säule ihres didaktischen Konzepts). Nicht zuletzt beziehen sie ihren Wert durch Bedeutungserteilung im Shiatsu als Ritual.

Ob die Sichtweise von Meridianen als quanten-physikalische bzw. biomagnetische Phänomene oder als Lichtleiter zur sinnvollen Entwicklung von Shiatsu beiträgt sei dahin gestellt. Jedenfalls wird dadurch eine Auffassung von Ganzheitlichkeit, wie sie charakteristisch für die New-Age-Bewegung im Westen ist, reflektiert; weit von dem Glauben mancher Shiatsu-Praktiker entfernt, dass diese japanisch, historisch oder von zeitloser Gültigkeit sei."

Literatur

Hempen, Carl Hermann (Autor) und Brugger, Ulrike (Illustrator): dtv-Atlas Akupunktur. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1995.

Rappenecker, Wilfried: Yu Sen. Sprudelnder Quell. Shiatsu für Anfänger. Felicitas Hübner Verlag, Waldeck 1990.

Kersebaum, Sabine: Akupunktur darf nicht zum Fließbandverfahren verkommen! Interview mit Iven Tao. In: Gehirn & Geist 7–8/2005, Spektrum der Wissenschaft Verlag, Heidelberg. S.39.

Vgl. Adams, Glyn: Shiatsu in Britain and Japan. Personhood, holism and embodied aesthetics. In: Anthropology & Medicine 9/3/2002, Routledge, Oxon UK, S.245ff.

mit freundlicher Genehmigung von Oskar Peter 2010

Den ganzen Artikel finden Sie auf seiner Website, siehe
http://www.aha-sys.at/linktipps.php

(c) Oskar Peter

Oskar Peter praktiziert in 1080 Wien

Online seit: 27.09.2010

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